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25.06.2012

Rundbrief Nr. 5 des Bundesvorsitzenden U. Weigeldt

Rubrik: Hausärzte, Beschlüsse, Termine, Gesetze - Verordnungen, Hausarztverträge/ IV-Verträge, Verbandspolitik, Gremien, Fortbildung, Berufspolitik-Sonstiges, Presse

 

Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen!

Am 15. Juni ist in Berlin die erste Evaluation des HzV-Vertrages mit der AOK Baden-Württemberg veröffentlicht worden. Professor Dr. med. Ferdinand Gerlach, Direktor des Instituts für Allgemeinmedizin der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt/Main und Professor Dr. med. Joachim Szecsenyi, Ärztlicher Direktor der Abteilung für Allgemeinmedizin und Versorgungsforschung der Universität Heidelberg präsentierten die in ihren Instituten erarbeiteten Ergebnisse. Diese beruhen auf den Daten der ersten beiden Jahre des laufenden Vertrages (2008 bis 2010). Mit weiteren Ergebnissen ist im Herbst zu rechnen, denn die Evaluation wird fortgesetzt.

Die Ergebnisse im Einzelnen sind im Internet unter www.hzv-aktuell.de nach zu verfolgen, dennoch möchte ich an dieser Stelle die Untersuchung in einer kurzen Bewertung zusammenfassen. Bei der Beurteilung ist nicht nur zu berücksichtigen, dass sich die Evaluation bisher auf die Startphase bezieht, zudem musste sich der Vertrag in einem nicht besonders freundlichen Umfeld behaupten. Die damalige KV-Führung in Baden-Württemberg hat ebenso dagegen geschossen wie viele Krankenkassen (erinnert sei an den Brandbrief 2010 von BEK, DAK, KKH-Allianz und AOK Hamburg-Rheinland) und sehr hartnäckig viele Praxis-Software-Anbieter.

Aber auch ohne Berücksichtigung der widrigen Umgebungsbedingungen sind die Gesamtaussagen erfreulich und bestätigen unseren Kurs in die Tarifautonomie für eine bessere Versorgung unserer Patienten und größere Arbeitszufriedenheit der Hausärzte. Dabei ist besonders interessant, dass alle im Vorfeld des Vertrages aufgestellten Behauptungen widerlegt werden konnten. Da hieß es, die Honorierung mit einer kontaktunabhängigen
Pauschale würde die Hausärzte dazu bewegen, Patienten einfach weiterzuschicken. Das Gegenteil ist der Fall: Mehr Kontakte der HzV-Patienten beim Hausarzt, weniger ungezielte Inanspruchnahme der Fachärzte. Die Arbeitslast der Hausärzte ist dabei sogar angestiegen, doch die Arbeitszufriedenheit stieg parallel dazu ebenfalls. Dies spricht für verbesserte und offenbar zufriedenstellendere Arbeitsbedingungen im HzV-Vertrag. Auch seitens der AOK Baden-Württemberg wird dazu betont, dass HzV kein Sparprogramm sein kann, sondern die Versorgung verbessern soll und damit ein höheres Honorar für die teilnehmenden Hausärzte absolut berechtigt sei. Der sogenannten Refinanzierungsklausel (Abs. 5a) im § 73b SGB V wird in diesem Zuge von der AOK wie auch von uns eine klare Absage erteilt.

Die Vermutung, Hausärzte würden Selektion betreiben und vor allem junge und gesunde Menschen für den Vertrag gewinnen wollen, hat sich als absolut unzutreffend erwiesen. Der Anteil chronisch Kranker innerhalb der HzV ist entsprechend der Evaluationsergebnisse höher als in der Vergleichsgruppe. Damit ist die Morbiditätslast innerhalb der HzV deutlich stärker als in der Vergleichsgruppe. Die gewünschte und durch die Honorarordnung in Baden-Württemberg geförderte Zuwendung zu den chronisch Kranken zeigt sich sowohl in der bis zu 50 Prozent höheren Teilnahme an den DMPs und der stärkeren Leitlinienorientierung, beispielhaft bei der Behandlung der Herzinsuffizienz.

Wer sich die Präsentation der Evaluation genau ansieht, wird feststellen können, dass die Institute sehr konservativ vorgegangen sind und beispielsweise bei der Beurteilung des Rückgangs von Krankenhauseinweisung zwar einen Trend sehen, diesen aber als (noch) nicht signifikant einstufen. Dr. Hermann, Vorsitzender der AOK-Baden-Württemberg, konnte dennoch berichten, dass die Controlling-Zahlen der AOK mittlerweile eine deutliche Verbes-serung belegen. Damit ist nicht nur eine bessere Wirtschaftlichkeit verbunden, sondern auch ein Vorteil für HzV-Versicherte, da sie weniger Krankenhausaufenthalte benötigen. Weitere wirtschaftliche Aspekte finden sich in der medikamentösen Versorgung mit einem deutlichen Rückgang von me-too Präparaten, aber auch in den Kosten insgesamt, wobei die durch die AOK mit der Industrie verhandelten Rabatte nicht einmal berücksichtigt sind.

Diese Ergebnisse werden jetzt auch mit politischen Vertretern eingehend diskutiert und sie bieten deutliche Hinweise, wie auch das jüngste Sondergutachten des Sachverständigen-rates im Gesundheitswesen (www.svr-gesundheit.de), dass die Selektivverträge gefördert werden müssen und nicht weiterhin durch bürokratische und finanzielle Einschränkungen behindert werden dürfen. Zumindest für Baden-Württemberg gilt, dass es sich bei der HzV um eine flächendeckende Regelversorgung alternativ zum Kollektivvertrag handelt, die zudem um die fachärztliche Versorgung nach § 73c SGB V ergänzt und weiterentwickelt wird. Diese Alternative muss – gerade nach den Evaluationsergebnissen die für hohe Qualität und Patientenzufriedenheit stehen – ebenfalls für alle anderen Versicherten in Deutschland zugänglich sein! Wenn wir die jüngsten Äußerungen von Karl Lauterbach, dem gesundheitspolitischen Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion berücksichtigen, sehen wir uns dabei schon einmal unterstützt.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, lasst uns deshalb trotz aller Widrigkeiten und aller sperriger Krankenkassen nicht nachlassen, es lohnt sich, bei der Linie zu bleiben und für die Tarif-autonomie zu kämpfen, für uns Hausärzte, für unseren Nachwuchs aber insbesondere für unsere Patienten.

Herzliche Grüße
Ulrich Weigeldt
Bundesvorsitzender

 Rundbrief Nr. 5 vom 25. Juni 2012